Wie altes Erzählgut mit KI neu zum Leben erweckt wird

Bewahrung von Sagen und Legenden mit neuen Technologien: Interview mit Dr. Marc Philip Seidel vom Museum Burghalde Lenzburg.

Die Ausstellung "Sagenzauber – lebendiges Erzählgut" im Museum Burghalde Lenzburg wurde mehrfach ausgezeichnet und verbindet KI und AR mit altem Erzählgut. | © Museums Burghalde Lenzburg
| Lenzburg, Schweiz

Die Ausstellung Sagenzauber - lebendiges Erzählgut im Museum Burghalde Lenzburg in der Schweiz verband Sagentradition mit KI. Anlass der Ausstellung war das hundertjährige Jubiläum der Publikation “Aus einem alten Nest” (1923) des Lenzburger Sagensammlers Nold Halder. Das Museum erweckte die alten Erzählungen mittels Augmented Reality und Künstlicher Intelligenz zu neuem Leben und ermöglichte vielfältige Sinneseindrücke auf den verschiedenen Schauplätzen rund um die Ausstellung.

Wir haben mit Dr. Marc Philip Seidel, Direktor Museum Burghalde Lenzburg und Kurator und Kreativer Leiter der Ausstellung von “Sagenzauber” darüber gesprochen, wie die Idee zur Verbindung von Sagengut mit KI kam, welche Herausforderungen es dabei gab und welche Learnings wichtig für andere Museen sind. 

Was war der Ausgangspunkt für das Projekt “Sagenzauber?

Der Kulturraum Lenzburg im Kanton Aargau ist reich an alten Geschichten und Traditionen. Zur kulturellen Identität von Stadt und Region trägt dieses immaterielle Kulturgut einen wichtigen Teil bei. Dessen Neubelebung mit neuen Technologien stand im Fokus und ließ Klein und Groß spielerisch in eine Welt zwischen Fiktion und Realität eintauchen. Dies sollte gleichzeitig analog und digital im Innen- und Außenraum geschehen können. Dazu gehörte eben auch ein Murmelbahnweg mit Sagen-Hörstationen rund um das Schloss Lenzburg als bedeutendste Höhenburg der Schweiz sowie durch die reizende historische Altstadt.

Mit einem starken Fokus auf die Vermittlungsarbeit in unserem Museum als außerschulischer Lernort stand eine niederschwellige und gleichzeitig konstruktiv-kritische Herangehensweise im Fokus.

Welches Ziel haben Sie mit der Verbindung von Sagentradition und KI verfolgt?

Alte Sagen und Legenden haben Sogwirkung und sind Teil unserer Kulturgeschichte. Sagen berichten von sagenhaften” Ereignissen und höheren Mächten, sie laden historische Orte auf und erwecken die Sagenwesen zum Leben. Eine ideale Vorlage für die Implementierung neuester Technologien zwecks Neubelebung des historischen Erzählguts. Schließlich ist Kultur das Resultat eines stetigen Aushandlungsprozesses. Letztlich trägt die digitale Neuinszenierung von Sagen und Legenden, Mythen und Märchen zu deren Bewahrung bei. 

Die Magie der belebten Geschichten stand bei der Visualisierung im Zentrum. Wie bei Sagen dreht sich auch heute, im Zeitalter von AR, VR und KI im Grunde genommen alles um Dichtung und Wahrheit. Auf neue Weise entstehen heute immersive Welten und lassen uns in multisensorisch neu belebte Geschichten eintauchen. Wenn ChatGPT, Midjourney und weitere Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI) uns auf allen sensorischen Kanälen neue Bild- und Erzählwelten vorgaukeln und neue Texte auf Knopfdruck generieren, stellt sich umso mehr die Frage nach Realität oder Fiktion.

Welche Tools nutzten Sie und wie lief die Umsetzung?

Der Sprung von analog zu digital zwischen Tradition und Innovation wurde in- und outdoor multimedial inszeniert und dem interessierten Publikum zugänglich gemacht. Der Zauberer Albal lässt im eigens dafür entwickelten “Sagen-Generator” auf Knopfdruck mit digitalen Würfeln neue Sagen entstehen. Dabei wird jeder Text im Moment und nur ein einziges Mal ausgegeben. Durch die Ausstellung führte eben dieser Zauberer, der sich über magische Symbole aus vergoldeten Barockspiegeln hervorzaubern ließ und von einer Themeninsel zur nächsten führte. Die Mimik des Sprechers wurde auf den Avatar gemappt. Eine Weiterentwicklung ließ aus diesen generierten Sagen animierte Bilder entstehen, so dass eine geklonte Stimme mit dem animierten Zauberer das KI-Sagen-Video bestimmte. 

Bei Projektbeginn waren die ersten KI-Tools eben erst geboren, weshalb monatliche Updates wesentliche Verbesserungen und neue Möglichkeiten erzielten. Wir arbeiteten mit den ersten Versionen von Midjourney, ElevenLab usw. Stetiges Erproben, Adaptieren und Optimieren forderten Geduld. Heute, also nur 2 bis 4 Jahre nach der Programmierungsphase, stünden uns schon völlig neue Möglichkeiten zur Verfügung.

Wie haben Sie das Projekt personell und organisatorisch gestemmt?

Die Realisierung der meisten Arbeiten inhouse und mit einem kleinen Team war äußerst effektiv. Vor dem Hintergrund dieses enorm umfassenden Projekts mit zahlreichen Teilprojekten konnte zielführend und speditiv gearbeitet werden.

Die frühzeitige Einsicht, dass gewisse Teilprojekte die verfügbaren Ressourcen personeller, finanzieller und zeitlicher Natur sprengen, öffnete neue Möglichkeiten.

Die gesamte Ausrichtung des Museums auf neue Technologien und die Offenheit der Entscheidungstragenden sind das A und O für ein derartig großes Unterfangen. Das enge und stimmige Zusammenspiel von Kuration, Designprofi, Programmiercrack und Storyteller mit Budgetkontrolle und Zeitmanagement führte zum Erfolg.

Wie reagiert Ihre Besucherschaft auf die digitalen Elemente?

Das Projekt “Sagenzauber” begeisterte sowohl das junge und jung gebliebene Publikum als auch internationale Jurys, Redaktionen und Vertretende von Kultur- und Bildungsinstitutionen. “Sagenzauber” wurde mit vier internationalen Auszeichnungen gewürdigt, etwa in New York, Los Angeles und Krakau für das Key Visual und für die innovative Medien- und Technologieintegration. Das renommierte Schweizer DU-Kulturmagazin widmete dem Sagenzauber eine eigene Ausgabe. Hochschulen und Fachgruppen dient Sagenzauber als Vorzeigeprojekt. Für diese Anerkennung sind wir als Museum Burghalde doch etwas stolz.

Welche Hürden gab es beim Einsatz von KI – und was haben Sie daraus gelernt?

Die rasante technologische Entwicklung ist ein kritischer Faktor in der Ressourcenplanung und kann einen enormen unvorhergesehenen Mehraufwand erzeugen, etwa durch nicht rückwärtskompatible Updates und Versionen. 

Verschiedene Formate sollten harmonieren, gerade im Hinblick auf Stil und Ästhetik. KI ist dabei ein enormer Boost, kann aber ohne klare Vorstellung zur Qual der Wahl und zum Produkt ohne konzises Erscheinungsbild werden. Das Storytelling ist nach wie vor das Herzstück, KI hin oder her. 

Durch das reibungslose Zusammenspiel von animierten visuellen, grafischen und musikalischen Elementen mit den programmiertechnischen Aspekten konnte ein überzeugendes immersives Besuchererlebnis erzielt werden. Der Anteil der Szenographie durch physische Objekte bildet dabei den nicht unwesentlichen räumlichen Kontext.

Was können andere, besonders kleinere, Museen von Ihrem Ansatz übernehmen?

Die Vielfalt an Möglichkeiten verlangt nach einer gewissenhaften Evaluation der situativ richtigen Tools. Ohne Expert*innenschaft in den verschiedenen Disziplinen wird kein Zeitplan aufgehen. Die frühzeitige Planung mit Vorprojekt und Expert*innen-Sessionen ist wichtig. Dabei dienen Versuchsballone einer Annäherung an das finale Produkt.

Die Symbiose von KI mit weiteren innovativen Technologien und traditionellen Formaten kann ein reizvolles Ganzes entstehen lassen. Feingefühl bei der Dosierung ist gefragt. Ein derartiges Projekt wie Sagenzauber” bietet die Möglichkeit, einen wesentlichen Beitrag für die Wahrung des immateriellen Kulturguts und das kollektive Gedächtnis der Region zu leisten. 

Die Kombination aus Mut, Neugier und Spaß im gesamten Prozess haben dieses große Unterfangen zu einem wunderbaren Erlebnis für alle Beteiligten werden lassen.

Quelle: MFG Baden-Württemberg
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