Mit unserer Reihe HIER GEMACHT holen wir Hidden Champions der Kultur- und Kreativwirtschaft aus Baden-Württemberg ins Rampenlicht. Unternehmen und Personen, die im Land verwurzelt und weltweit gefragt sind – mit Ideen, die überraschen, verbinden und inspirieren.
Animationstalent Julia Skala hat sich mit ihren sensiblen, handgezeichneten Filmen in kürzester Zeit einen Namen gemacht. Arbeiten wie Kaulquappe oder Sommerregen erzählen von Veränderung, Selbstakzeptanz und dem Mut, Gefühle zuzulassen – Themen, die sie mit ihrer ganz eigenen visuellen Handschrift verbindet. Mit Kaulquappe war Julia Skala nicht nur auf vielen internationalen Filmfestivals vertreten, sondern unter anderem 2025 in der Kategorie „Best Student Film“ für die Annie Awards, einem der wichtigsten Filmpreise für Animation, nominiert. Seit ihrem Abschluss am Animationsinstitut der Filmakademie Baden-Württemberg arbeitet sie als freiberufliche Regisseurin und Illustratorin und spricht im Interview mit uns über die Animationsbranche in THE LÄND, ihre Bildsprache und zukünftige Projekte.
Sie sind Illustratorin, Regisseurin und Animatorin. Was verbindet diese Rollen, und was macht Ihre persönliche Handschrift aus?
Ursprünglich habe ich als Illustratorin angefangen, weil ich vor allem schöne Bilder und Welten schaffen wollte. Als ich am Animationsinstitut der Filmakademie startete, musste ich mich gezwungenermaßen noch mehr mit Storytelling auseinandersetzen und mich auch mal fragen: Was bleibt, wenn ich nicht zeichnen darf? Das war für mich bahnbrechend, weil ich gemerkt habe, dass ich auch unabhängig vom Bild eine Stimme und viele Ideen habe. Zusätzlich habe ich eine Leidenschaft dafür, Menschen im Team zusammenzubringen, zu leiten und motiviert zu halten – alles Themen, die in der Regie zusammenlaufen. Regie ist für mich deswegen eine perfekte Kombination aus Kreativität und Management. Einerseits kann ich im Team arbeiten und andererseits etwas gestalten, das mir am Herzen liegt.
Was ist Ihre Stimme als Künstlerin?
Ich spreche mich sehr für Sensibilität und ein gesundes Ausleben von Emotionen aus und musste schon oft erfahren, dass andere das nicht unbedingt tun. Gerade deswegen braucht es meiner Meinung nach mehr Geschichten, die schwierige Gefühle und Veränderungen sanft und verständnisvoll zeigen. In meinem Film Kaulquappe erlebt die zehnjährige Marlene zum Beispiel, wie sich ihr Körper verändert, und findet in der Kaulquappe etwas, mit dem sie sich identifizieren kann. Es geht darum, Prozesse, Veränderungen und die eigene Gelassenheit zu entdecken. Coming-of-Age bleibt für mich ein spannendes Thema, weil ich mich im Animationsfilm an Dinge heranwagen kann, die im szenischen Film zu unangenehm wären.
In Sommerregen und Kaulquappe wirkt Ihre Bildsprache stark emotional. Wie entwickeln Sie solche Stimmungen?
Ich habe oft einen inneren Film im Kopf und frage mich dann, welche Bilder, Farben und Kompositionen passen zu einer Szene? Für meine Projekte habe ich meist eine Hauptfarbe im Kopf: Für mich war zum Beispiel klar, Kaulquappe ist grün, damit kann man gut eine unangenehme Spannung aufbauen. Dann sammle ich Ideen und schaue, wie sich mein eigener Stil mit anderen Elementen kombinieren lässt. Ein Balanceakt ist für mich immer: Wie viel kann ich reduzieren, während ich cinematografisch bleibe? Und: Animationsfilm ist Teamarbeit. Ich bin ein großer Fan von kreativem Ping-Pong, auch als Gegenstück zur künstlerischen Eitelkeit.
Ihr Film Kaulquappe läuft auf Festivals weltweit. Welche Rückmeldungen haben Sie besonders inspiriert?
Ich finde es an sich erst einmal toll, zu sehen, dass diese Geschichte kulturübergreifend funktioniert. Es ist schön, mit dem Film reisen zu können und zu sehen, dass er Preise in Mexiko und Ungarn bekommt, aber auch in Deutschland. Gerade läuft der Film in vielen Kinder- und Jugendprogrammen. Mir war wichtig, keine Geschichte „von der Raupe zum Schmetterling“ zu erzählen, daher habe ich bewusst die Froschmetapher gewählt. Ich wollte nicht idealisieren, dass in der Pubertät alles besser wird, sondern zeigen, dass es einfach anders wird. Besonders berührt mich, dass sich auch Jugendliche mit unterschiedlichen oder unsicheren Geschlechteridentitäten wiederfinden. Bei einem Screening mit 14-Jährigen war ich besonders nervös, dass ich zerrissen werde – in diesem Alter will man ja gar nichts toll finden. Dann hat sich eine Jugendliche sehr herzlich für den Film bedankt und mir, um mir etwas zurückzugeben, ein Bonbon geschenkt. Diese kindliche Art, Dankbarkeit auszudrücken fand ich total süß.
Was bedeutet es Ihnen, dass Ihre Filme international erfolgreich sind?
Es macht mir auf zwei Ebenen Mut. Einerseits für meine persönliche Karriere, weil es natürlich schwierig ist, zu starten, wenn man sich dafür entscheidet, dass man Regie führen möchte. Das ist selbst mit Preisen so, aber ohne diese Anerkennung wäre das noch mehr der Fall. Ich habe jetzt das Gefühl, ich habe eine Basis und kann mich anders präsentieren. Zweitens macht es mir auch Mut, dass so eine leise und sensible Geschichte gesehen und gehört wird, dass Platz ist auf dieser Welt für Sensibilität.
Sie haben am Animationsinstitut der Filmakademie Baden-Württemberg studiert – einem weltweit renommierten Ausbildungsort für Animation und VFX. Was hat Sie dort am nachhaltigsten geprägt?
Es hat mich von einer Illustratorin zu einer Geschichtenerzählerin gemacht und mir einen schärferen Blick auf Inhalte und Erzählweisen ermöglicht. Ich fand es sehr bereichernd Mentoren wie Andreas Hykade zu haben. Das Studium hat mir beigebracht, mich selbstbewusst zu präsentieren und immer begründen zu können, warum ich etwas machen möchte. Ich hatte außerdem die Möglichkeit, ein Semester an der renommierten Zeichentrickschule Gobelins in Paris zu studieren. Für die Möglichkeit zu diesem Austausch bin ich total dankbar. Grundsätzlich kann man sehr viele hilfreiche Kontakte knüpfen und ich finde es gut, dass der Unterricht am Animationsinstitut fast ausschließlich auf Englisch stattfindet – das ist hilfreich, weil die Branche so international ist.
Welche Rolle spielt das regionale Umfeld für Ihre Arbeit?
Ich finde es schon besonders, dass hier mit einem gewissen Stolz auf den Animationsfilm verwiesen wird – zum Beispiel vonseiten des Landes und der MFG. Ich erlebe das Mindset hier als sehr wertschätzend der Kultur gegenüber. Auch wenn so etwas wie das Internationale Trickfilmfestival stattfindet, ist es auf dem Schlossplatz in Stuttgart präsent und nicht nur in den Kinos. Ich habe den Eindruck, hier muss man sich nicht verstecken, weil man „Trickfilm“ macht, sondern darf Unterstützung und Interesse erfahren. Das ist in Deutschland sonst nicht immer der Fall. In Frankreich gehören zu jeder Akademikerbibliothek selbstverständlich Comics und Graphic Novels. Hier ist das nicht so. Deswegen sind auch die Stuttgarter Comictage eine tolle Initiative – es wird nicht nur innerhalb der Kreativbranche verhandelt, sondern die Branche wird geöffnet.
Welche Entwicklung wünschen Sie sich noch für die Animationsszene in Baden-Württemberg?
Wenn man mit dem Studium fertig ist, merkt man, was es am Animationsinstitut für ein Luxus war, dass jeder einen Arbeitsplatz hat und ein soziales Gefüge. Als Freiberuflerin kann man sich nach dem Studium schnell alleine fühlen. Ich wünsche mir mehr Co-Working-Spaces und niedrigschwellige Angebote für junge Kreative. Auch solche, bei denen man nicht gleich ein ganzes Büro mieten muss, was sich junge Kreative oft nicht leisten können.
Warum halten Sie diese Orte für so wichtig?
Ich habe nicht das Gefühl, dass kreative Arbeit aufblüht, wenn man sie immer nur alleine mit sich selbst aushandelt, sondern dass man davon profitiert, Leute um sich zu haben – auch solche, die etwas leicht anderes machen. Das bringt neue Perspektiven, Austausch und gute Gesellschaft. Natürlich könnte ich mir selbst einen Büroraum zur Miete suchen und Untermietverträge aufsetzen, aber je mehr Energie man in solche Dinge stecken muss, desto weniger bleibt für kreative Arbeit.
Woran arbeiten Sie aktuell?
Ich entwickle gerade einen Kurzfilm, produziert von Manic Monday, einem Animationsstudio in Ludwigsburg, der stärker in Richtung Comedy für ein erwachsenes Publikum geht. In dem Bereich möchte ich mich noch mehr positionieren. Kürzlich wurde ich für eine Artist Residency in der Filmværksted Viborg in Dänemark angenommen, um zwei Monate lang weiter daran zu arbeiten.
Zusätzlich arbeite ich an einem Konzept für eine 2D-animierte Serie, das ich im vergangenen Jahr auf verschiedenen Filmmärkten deutschen und internationalen Sendern vorstellen durfte.
Gibt es außerdem noch etwas, das sie unbedingt umsetzen möchten?
Kaulquappe möchte ich zusammen mit meinem Producer Max Pollmann als Kinder- oder Erstlesebuch umsetzen. Bei der Frankfurter Buchmesse konnten wir erste Kontakte knüpfen und suchen weiterhin nach interessierten Verlagen.
Und ich möchte gerne als Illustratorin weiterarbeiten, auch im Magazinbereich.
Generell möchte ich weiter Animationsfilme machen, schöne Bilder und Welten gestalten und trostspendende, warme Geschichten erzählen – aus einer starken weiblichen Perspektive, mit meiner persönlichen Stimme als Künstlerin und Filmemacherin.









