Museen setzen auf eigene Sammlung und kleine Formate

Der Wandel zu gesellschaftlich relevanten „sozialen Orten“ kann durch die Krise beschleunigt werden

Drei Frauen auf einer Bank vor Bild
Die Tagung machte klar: Die Arbeit, aber auch das Bild von Museen in unserer Gesellschaft wird sich mit erhöhtem Tempo verändern (Symbolbild) | Bild: Pixabay

Neunzehn plus eins heißt die Formel, mit der viele Museen derzeit ihre Führungen planen. Neunzehn Besucher, eine Führungskraft, vorausgesetzt, dass der Abstand auch in der Ausstellung eingehalten werden kann. Andernfalls dürfen weniger Besucher teilnehmen. Die Museen im Land gehen davon aus, dass ihr Betrieb bis 2022 eingeschränkt bleibt, vielleicht auch darüber hinaus. Deshalb werden neue Veranstaltungsformate für die Kultur- und Bildungseinrichtung Museum gesucht.  


„Die gesellschaftliche Bedeutung der Museen in und nach der Krise“ lautete das Motto der Herbsttagung des Museumsverbandes Baden-Württemberg. „Deutlich wollen wir zeigen, dass wir eine wichtige Funktion für die Gesellschaft wahrnehmen können“, so Verbandspräsident Jan Merk, „und zugleich klarmachen, dass es ein Fehler wäre, bei unseren auf lange Frist angelegten Aufgaben pauschal oder reflexartig den Sparstift anzulegen.“ Aus der Sicht der Landesmuseen bekräftigt Paula Lutum-Lenger, Direktorin des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg: „Wir sind dem Land sehr dankbar für schnelle Maßnahmen in der Krise wie den freien Eintritt für Kinder und Jugendliche in viele Museen und für die Unterstützung bei der Digitalisierung.“  

Aktuelle Lage in der Krise

Seit März sind die Besucherzahlen in allen Museen eingebrochen. Ausstellungen mussten verschoben, die museumspädagogische Vermittlungsarbeit zeitweise eingestellt werden. Vor allem größere Häuser und Privatmuseen leiden unter Einnahmeverlusten. Während die Etats der Landesmuseen bisher nicht eingeschränkt wurden, zeichnen sich bei den Museen in kommunaler und privater Trägerschaft starke Einschnitte ab, wie Tilmann von Stockhausen, Leiter der Städtischen Museen Freiburg, betont. Er warnt davor, dass die drohenden Budgetkürzungen zur Reduktion von Ausstellungen und der wissenschaftlichen Arbeit an den Museen führt. Die Schuldenlast der Städte und Gemeinden könnte im Extremfall auch zur Schließung von ganzen Einrichtungen führen.
     
Nach dem Lockdown gehörten die Museen im Mai zu den ersten Kultureinrichtungen, die mit neuen Hygienekonzepten und angepassten Führungskonzepten wieder öffnen durften. Die Museen im Land waren vielfach Vorreiter für andere Kultureinrichtungen mit dem klaren Signal „und es geht doch“.  Der Museumsverband konnte seinen Mitgliedern schon im April Handreichungen für eine Wiedereröffnung gegeben, auf die auch das Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der Städtetag Baden-Württemberg verwiesen. Schnell haben sich die Museen der Situation angepasst, so dass sie sich bis heute mit guten Rahmenbedingungen, etwa großen Räumen, als sichere Orte präsentieren können.   
Was haben Museen der Gesellschaft zu bieten?


Der digitale Teil der Tagung konnte am 13. Oktober 2020 in Kooperation mit der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg durchgeführt werden. Eine zusätzlich geplante reale Veranstaltung zwei Tage später konnte coronabedingt nicht stattfinden. Die Tagung brachte ein breit gefächertes Feedback aus den unterschiedlichsten Museen. Als zentrale Herausforderung erschien es Vielen, sich stärker als bisher auf die musealen Kernaufgaben zu konzentrieren. Zu oft wurde in der Vergangenheit fast ausschließlich das Ausstellen wahrgenommen – Blockbuster-Schauen und Rekord-Besucherzahlen lieferten die Schlagzeilen. Und dies, obwohl das Ausstellen nur ein Arbeitsfeld unter vielen im Arbeitsauftrag der Museen ausmacht.

Jetzt wird wieder das Sammeln, Bewahren und Erforschen der Exponate wichtiger. Die Überlieferung unseres materiellen Kulturerbes ist das Alleinstellungsmerkmal der Institution Museum – lokal, regional, landesweit und darüber hinaus. Diese auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Grundlagenarbeit, so die Rückmeldung der Teilnehmer, bleibt auch in Zukunft unverzichtbar.


Museen sind keine verstaubten Kuriositätensammlungen, sondern erlebnisreiche außerschulische Lern- und Bildungsorte: breit aufgestellt, längst nicht mehr nur für Schulklassen, sondern für alle Gruppen der Gesellschaft und mit neuen Möglichkeiten in digitalen Formaten.
Schließlich kristallisieren sich die Museen sowohl in urbanen Ballungsgebieten als auch in ländlichen Räumen immer mehr als „soziale Orte“ heraus, als offene Plattformen für aktuelle Entwicklungen und Diskussionen sowie als Treffpunkte unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen, oft unter Einbeziehung des Ehrenamts. Auf der Basis einer funktionsfähigen räumlichen und organisatorischen Infrastruktur haben die Museen die Chance, ein Rückgrat für lokale Kultur zu sein. Damit leisten sie einen wertvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft.     

Museen im Wandel

Die Tagung machte klar: Die Arbeit, aber auch das Bild von Museen in unserer Gesellschaft wird sich mit erhöhtem Tempo verändern. Die eigenen Sammlungen und ihre Erschließung rücken wieder in den Mittelpunkt. Zugleich werden sich die Museen weiter öffnen: für neue Ausstellungsformen, für neue Zielgruppen, für kleine, qualitativ hochwertige, intensive und innovative Veranstaltungsformate. Vieles wird momentan erfolgreich erprobt, zum Beispiel:


• „Early-Bird“-Führungen in den frühen Morgenstunden,
  • Vernissagen mit der Möglichkeit, in Zeitfenstern durch die Ausstellungen zu schlendern und zu flanieren,
  • ausstellungsbegleitende Konzerte, Lesungen und Vorträge im Freien, in Museumshöfen und Museumsgärten,
  • zielgruppenspezifische Angebote wie Integrationskurse für Geflüchtete, Kleingruppenführungen für Kinder, Vereine oder Freundeskreise in kleinen Gruppen,
• Formate, in denen nicht Besucher ins Museum, sondern die Museen zu den Besuchern kommen, wie es etwa das Ludwigsburg Museum mit Abholtaschen während des Lockdowns praktiziert hat.   


Museen haben Erfahrung in Flexibilität und kreativer Veränderung – sie setzen dabei auf intensive Kommunikation untereinander und regionale Vernetzung. Sie wünschen sich, das zeigte die Tagung auch, Förderung, insbesondere bei der Digitalisierung und Sammlungserschließung und ein langfristiges Bekenntnis ihrer Träger. „Wir begeben uns mit allen Herausforderungen auf diesen spannenden Weg“, so Verbandspräsident Jan Merk, der zugleich an die Träger in Stadt, Land und Bund appelliert, die Museen bei zu erwartenden Einsparungen in den nächsten Jahren nicht über die Maßen zu belasten. 

Quelle: Museumsverband Baden-Württemberg e.V.

Mehr Infos:
Museumsverband Baden-Württemberg e.V.

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