Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg

„Mit 40 bist du Chef oder weg!“

Wie können Aging Careers Kreativschaffender aussehen? Berufsethos, Arbeitsmodelle und soziodemografische Besonderheiten in der Kultur- und Kreativwirtschaft

Zeichnende Frau von hinten
Für Kreativschaffende kann die Karriere im Alter zum Problem werden. | Bild: Unsplash / Štefan Štefančík

2019 ist für die europäische Kreativwirtschaft so etwas wie das zehnjährige Jubiläum. Das Jahr 2009 wurde vom Europäischen Parlament und dem Rat der EU zum „Europäischen Jahr der Kreativität und Innovation” erklärt. Ziel des Themenjahres war es, die Innovationsfähigkeit in Europa zu stärken, um im wirtschaftlichen Wettbewerb der Wissensgesellschaft auch künftig mithalten zu können. Die Ressource Kreativität wurde endlich als treibende Kraft für Wachstum und Beschäftigung wahrgenommen und positioniert.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft als eigenständiger Wirtschaftsbereich hatte Anfang der 2000er einen enormen Aufschwung erfahren. Weitere Meilensteine, welche die Branche in Deutschland verstärkt in den Fokus rückten, waren 2007 die Aufnahme der Kulturwirtschaft in die „UNESCO Konvention über Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ sowie im selben Jahr die Gründung der „Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft“ zur Stärkung und Förderung der Wettbewerbsfähigkeit vor allem kleiner Unternehmen oder kreativer Selbstständiger.

Laut dem 2017 veröffentlichten Monitoringbericht der Kultur- und Kreativwirtschaft wächst die Branche kontinuierlich weiter. Im Vergleich zum Jahr 2015 stieg die Zahl der Unternehmen in Deutschland erneut um 1,1 Prozent und verzeichnete 2016 rund 253.000 Unternehmen und rund 1.638.000 Erwerbstätige, darunter 1.117.000 Kernerwerbstätige. Davon waren gut 253.000 als Freiberufler bzw. Selbstständige tätig.

Kreativschaffende: hoch qualifiziert, projektorientiert, unterbezahlt

In keiner vergleichbaren Branche ist der Anteil an Selbstständigen annähernd so hoch. Vor allem Frauen sind betroffen. Rund 80 Prozent der Unternehmen haben weniger als fünf Angestellte. Und: In der Regel wird trotz hohem Bildungsgrad ein vergleichsweise geringes Einkommen erzielt, das zeigt das Trendbarometer Kreativwirtschaft der Hochschule der Medien Stuttgart. Im Vergleich zur Gesamtwirtschaft mit etwa 18 Prozent Hochqualifizierten sind in der Kultur- und Kreativbranche 37 Prozent hochqualifiziert.

Arbeits- und Produktionsbedingungen sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft besonders von unsicheren und projektorientierten Arbeitsverhältnissen geprägt. „Ein Problem ist sicherlich der betriebswirtschaftliche Aspekt, da Berufsanfänger und Young Professionals in der Kreativbranche deutlich unterdurchschnittlich bezahlt werden und daher als attraktive Mitarbeiter gelten. Ältere und erfahrene Kollegen verdienen meist deutlich mehr und werden gerne durch zwei Junge ersetzt“, berichtet Kai Marschner, langjähriger Kreativchef und Agenturgründer. „Die Frage ist, wer bildet diese aus? Wer bringt ihnen das Essenzielle bei?” Und das bedeutet das für die Zukunft der Branche?

Kreatives Schaffen: Talent oder Handwerk?

Die Zahl der Unternehmensneugründungen wächst stetig, die Designbranche etwa gilt als „Boombranche“. Offensichtlich schrecken die unsicheren Bedingungen kaum ab. Was macht also die Kreativbranche so attraktiv? Ein Teil der Antwort liegt sicherlich in der Vorstellung, dass die Qualität des „schöpferischen Akts“ von Talent und kreativer Persönlichkeit abhängt, was wiederum das individuelle Selbstbild prägt. Talent steht nach dieser Auffassung mit einem permanenten Bedürfnis, Neues schaffen zu müssen, im Zusammenhang.

Das war nicht immer so. Die Werbebranche galt beispielsweise bis in die 1970er Jahre noch als ein Handwerk, was heute vor allem von konzeptionellen Kompetenzen abgelöst wurde. Dabei ist die Originalität einer Idee, anstelle von Qualität, in den Vordergrund gerückt.

Eine junge Branche

Die Kreativbranchen sind vorwiegend von jungen Menschen geprägt. Mehr als die Hälfte ist nicht älter als 35 Jahre. Knapp ein Drittel gehören der Altersgruppe zwischen 36 und 45 Jahre an und nur noch 5 Prozent sind zwischen 46 und 50 Jahre alt.

„Die meisten meiner früheren Studienkollegen sind nicht mehr im klassischen Agenturgeschäft tätig, sondern sind in die Industrie bzw. in andere Branchen gewechselt“, erzählt Carmen Hartmann-Menzel, 41-jährige Designerin und Teamleiterin im Bereich User Experience und strategische Kundenberatung. „Gründe sind meines Erachtens vor allem die familienfeindlichen Arbeitsbedingungen, eine relativ hohe Stressbelastung sowie vergleichsweise niedrige Vergütung. Außerdem wird Kreativität vermutlich eher mit jüngeren Lebensjahren assoziiert.”

Ältere Kreative gelten als nicht vermittelbar. Versucht eine Personalberatungsagentur, eine 51-jährigen Designerin mit 30 Jahren Berufserfahrung in der Agenturszene unterzubringen, wird sie in der Regel abgewiesen, zum Beispiel mit der Begründung, man wolle den Altersdurchschnitt im Netzwerk von 40 auf 35 Jahre reduzieren – aber ohne plausible Erklärung.

Sind ältere Kreative ein Problem?

„Es war schon immer so in der Kreativwirtschaft, dass gute Designer und Konzeptioner bis ins hohe Alter erfolgreich waren. Das Mittelmaß wurde durch junge und hungrige Leute ersetzt. Als Faustregel galt bereits in den 80er und 90er Jahren: Mit 40 bist du Chef oder weg,” bringt es Kai Marschner auf Punkt.

Zu Recht stellt sich aber die Frage, wer die Young Professionals in der Praxis weiter ausbildet und einarbeitet. Gerade ältere Kreative verfügen über viel Erfahrungswissen, das den Jungen, „Hungrigen“ noch fehlt – woher soll es auch kommen? Dass dennoch bereits Bewerber über 40 gnadenlos aussortiert werden, kann auf ein Problem in der Unternehmenskultur von Agenturen und ihren Kunden deuten. Wird hier jene charakteristische Eigenschaft von Designern, „Neues schaffen zu wollen“, für einen kompromisslosen Wettbewerb instrumentalisiert?

Gut und verrückt werden gerne verwechselt“, findet Kai Marschner. „Junge Kreative trauen sich Dinge zu, die die Älteren nicht mehr tun würden, da sie bereits die Erfahrung haben, dass diese nicht funktionieren. Die nachlassende Qualität in der Designbranche ist sicherlich ein Stück weit darauf zurückzuführen”. 

„Out of the box”-Denken ist die wichtigste Voraussetzung für Innovationen. Aber ergänzen sich strategisches Erfahrungswissen und jugendlicher Leichtsinn nicht? Was fehlt, ist eine wertschätzende, integrierende und nachhaltig orientierte Unternehmenskultur. Welche einerseits für eine soziale und finanzielle Absicherung sorgt und sich andererseits in puncto Innovationsfähigkeit die Kompetenzen von jungen und älteren Kreativen zunutze macht. Dieser Prozess läuft bisher nur schleppend an, hier ist Umdenken gefragt.

Darin, was die Kompetenzen besonders der älteren Kreativen ausmacht, sind sich Maschner und Hartmann-Menzel einig. Neben Fachwissen geht es um Methodenwissen, Führungskompetenzen, Strategieentwicklung, Konzeption und Ausbildung. Wichtig sind auch Ruhe und Gelassenheit gegenüber Themen, die teilweise seltsam gehyped werden, und damit die Fähigkeit, Trends angemessen einzuordnen.

Kreativzentren als Teil der Lösung

Laut Trendbarometer Kreativwirtschaft 2015 zeichnet sich ein zunehmender Trend zum gemeinsamen Arbeiten in Co-Working Spaces ab. Dabei stellen teils öffentliche Träger Räumlichkeiten in revitalisierten Gebäuden modernisiert zur Verfügung. Kreativschaffende können sich darin günstig einmieten und eigene und gemeinschaftliche Räume, eine angepasste Infrastruktur und technische Ausstattung nutzen. Kreativschaffende profitieren zudem vor Ort von einem persönlichen, engeren Kontakt, der einen besseren Austausch und Aufbau des eigenen Unternehmens und des Netzwerks fördert.

Kreativzentren haben außerdem einen positiven Effekt auf das Image einer Region, können Abwanderung von kreativen Köpfen reduzieren und zu einer größeren Standortattraktivität beitragen. Auch für die Förderung junger Kreativer könnten solche Areale eine noch viel wesentlichere Rolle spielen. Sie funktionieren wie eine physische Plattform zum Wissensaustausch. Hier könnte das Erfahrungswissen älterer Kreativer in Sachen Beratung, Strategie und Management auf junges Unternehmertum treffen, z. B. Start-ups, Solo-Selbstständige oder Mikrounternehmen. Ältere Kreative könnten hier eine Mentorenrolle übernehmen und beide Seiten würden voneinander lernen.

Autorin: Karina Povse

Quellen:

Monitoringbericht Kultur- und Kreativwirtschaft 2017 des MWWi 
Jahreskonferenz KuK 2010: Älter - bunter - weniger
Trendbarometer Kreativwirtschaft Baden-Württemberg 2015 

Koppetsch, C. (2006). Kreativsein als Subjektideal und Lebensentwurf. In: Rehberg, K.-S. (Hrsg.), Soziale Ungleichheit, kulturelle Unterschiede: Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München. Frankfurt am Main: Campus

Bitte weitersagen. Teilen Sie diesen Beitrag.